VI.4 Statement des Fördervereins Schul-Umwelt-Zentrum Mitte e.V. mit Beiträgen aus dem Netzwerk Grüne Lernorte

1. Der Förderverein SUZ und das Netz Grüne Lernorte

Der Förderverein Schul-Umwelt-Zentrum Mitte e.V. wurde 2007 gegründet und hat seinen Sitz in Berlin. Zweck des Vereins ist die Förderung von Bildung und Erziehung im Umweltbereich durch erfahrungs- und handlungsorientierte Methoden. Der Verein verfolgt das reformpädagogische Konzept und fördert ein Lernen mit allen Sinnen. Das Schul-Umwelt-Zentrum, an dessen Arbeit und Ausstrahlung der Verein im Besonderen unterstützen will, ist ein „Netz grüner Lernorte", in dem SchülerInnen, StudentInnen und Erwachsene lernen.

Der Förderverein führt regelmäßig Projekte im Bereich duales Lernen und engagiert sich in der Berufsorientierung speziell für die grüne Branche. Die Öffnung der Arbeit über den unmittelbaren Schulbereich hinaus für soziale, interkulturelle und vor allem auch internationale Projekte erweiterte in den letzten Jahren den Erfahrungsschatz und die Ausstrahlung des Vereins. Er ist Ansprechpartner sowohl für Schulen und Jugendträger, aber auch Stadtteilzentren, Sozialeinrichtungen, andere Umweltbildungsorganisationen und Kontaktpartner in Hochschulen geworden, wenn es um Fragen der Interessensbildung an der Schnittstelle von Schule und grünen Berufen geht.

Das Leonardo-Projekt war Anstoß für den Förderverein SUZ Mitte e.V., seine Netzwerkarbeit in Bezug auf Berufsorientierung und Nachwuchswerbung zu intensivieren. In Arbeitstreffen und Präsentationen mit den Stillen Partnern im Projekt, dem OSZ Peter-Lenne und der TU Berlin, Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre, entstand im Verlauf des Projektes ein fokussierter Arbeitsaustausch, der auch Auswirkungen auf die praxisbezogene Arbeit mit Auszubildenden und Studierenden hatte. Als Ergebnis entstanden die Beiträge zur vorliegenden Broschüre sowie Vorhaben künftiger Zusammenarbeit.

Aus der internationalen Arbeit im Projekt nehmen die Teilnehmer des FV viele Anregungen vor allem aus den Exkursionen und Diskussionen in den Partnerländern mit. Die in diesem Zusammenhang geknüpften internationalen Kontakte werden weiterhin zu einem erfolgreichen Arbeiten beitragen – durch regen Austausch von Erfahrungen und Informationen im nun erweiterten Netzwerk.

Der Förderverein findet sich durch das Projekt bestätigt in seiner Betonung eines sinnlich erfahrbaren Lernens für alle Altersgruppen. Er versteht sich als Motivationsstifter für Interesse und Engagement im „grünen Bereich" nicht nur im Schulischen, sondern darüber hinaus im gesamten gesellschaftlichen Umfeld.

Das Projekt hat auch gezeigt, dass es nach wie vor schwierig ist, die in Jahrzehnten zementierten Barrieren zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung zu überwinden – dies aus unserer Sicht jedoch gerade im Hinblick auf den Nachwuchsbedarf dringend vonnöten ist. Es gilt, in der alltäglichen Arbeit geduldig die passenden und offenen Gesprächspartner zu finden – im Interesse einer echten Dualität in Bildung und Ausbildung, die den Jugendlichen und der Zukunft der grünen Branche nutzt.

Verlinkung:
-> VI.4.0 SUZ-Die Gartenarbeitsschulen als Lernort

2. Beiträge des Förderverein SUZ MITTE e.V. und des Netzwerkes zu den einzelnen LEONARDO-Projektthemen

A. Duales Berufsbildungssystem

A1 Ausbildungsreife der Auszubildenden, Ausbildungsbereitschaft der Betriebe
Der Bedeutungsgehalt des Begriffes Ausbildungsreife unterliegt Veränderungen. Ursprünglich die zertifizierte Fähigkeit eines ausbildenden Betriebs bezeichnend, sind heute vor allem Kompetenzen der Jugendlichen gemeint. Doch Ausbildungsreife bleibt eine sich wandelnde Herausforderung.

Die Interessiertheit und auch Leistungsbereitschaft von SchülerInnen und Auszubildenden dürfen nicht unterschätzen werden. Die Generation, die jetzt vor ihrem Berufsleben steht, hatte mehr Sicherheit für ihr Aufwachsen als alle Generationen davor – und bringt nun einen neuen Anspruch mit: Leistung und Spaß, Familie und Karriere, Teamarbeit und persönliche Freiheit sollen vereinbar sein, Geldverdienen und sinnvolles Arbeiten nicht im Widerspruch zueinander stehen.

Die neu antretende Generation ist die erste, die durch Internet und social media geprägt ist und sich in flachen Hierarchien bewegt. Gewohnt, dass um ihre Aufmerksamkeit bei jedem Tastenklick gebuhlt wird, ist ihr Selbstbewusstsein ausgeprägt und wird gestützt vom Umstand, dass sich künftighin Betriebe um sie reißen werden.

Ein erneuter Wandel des Begriffs Ausbildungsreife deutet sich an. „Es wird aufgrund des künftigen Fachkräftemangels....zunehmend stärker auch auf die „Ausbildungsreife" der Betriebe ankommen...es bietet sich sogar die historische Chance, mit – quantitativ – abnehmenden Zahlen von Ausbildungskohorten....die jungen Menschen individueller und zielgenauer zu begleiten und zu unterstützen. Bezogen auf den Begriff „Ausbildungsreife" besteht in den folgenden Jahren also die Möglichkeit, hierzu kompakte und wirksame Konzepte zu entwickeln, die für die Praxis tauglich sind." (Zitat aus: Ausbildungsreife - Perspektiven eines kontrovers diskutierten Konstrukts, S. 77, hrsg. von Günter Ratschinski und Ariane Steuber. Springer Verl., 2012)

Die Ausbildungsbetriebe, geleitet von Menschen aus anderen Generationen, denen „soft skills" keine Selbstverständlichkeit zu Beginn ihrer Karriere waren, müssen sich stärker als bisher auch mit widersprüchlichen Potenzialen der Jugendlichen auseinandersetzen – etwa wenn Selbstbewusstsein und die Fähigkeiten, das gesetzte Anforderungsprofil zu erfüllen, auseinanderklaffen. Ist die Frage nach dem Sinn ihres Tuns für die jungen Menschen zentral, muss die Fähigkeit, die Jugendlichen mit interessanten Herausforderungen zu motivieren besonders ausgeprägt sein. Die Jugendlichen heute müssen sehr viel mehr Zeit in schulische und berufliche Bildung investieren als die Generationen zuvor – dies anzuerkennen und auch eine bewusste Work-Life-Balance bzw. Learn-Life-Balance anzustreben kann u.a. auch über die Gestaltung des Betriebsgeländes mitgesteuert werden.

Die Verantwortung, auch sogenannte schwächere SchülerInnen auszubilden und eher auf deren Entwicklungspotenzial zu schauen als auf ihren Ist-Stand, sollte stärker übernommen werden.

Den Jugendlichen ist dabei auch Bewusstsein und praktische Informationen zu vermitteln, dass sie mit Schwierigkeiten beim Übergang von der Schule in die Ausbildung nicht allein stehen werden. Defizite in fachlichen und sozialen Komponenten zu erkennen und entsprechende Unterstützung bereit zu stellen zählt zum mehr als bisher gefragten Engagement für Auszubildende.

Jugendliche sollten ihren Einstieg in die Ausbildung als Bestandteil ihrer Bildungsbiographie erleben können und über dessen Verlauf nach Maß ihrer weiterzuentwickelnden Kompetenzen selbst entscheiden. Sie müssen schrittweise auf einem Weg begleitet werden, der sie aus ihrer Objektposition heraus zu Subjekten ihres eigenen beruflichen Gestaltungsprozesses macht.

Das Schul-Umwelt-Zentrum Mitte e.V., sein Förderverein und das dazugehörende Netzwerk (zu dem u.a. auch die TU Berlin, Fachbereich Arbeitslehre, das Peter-Lenne-OSZ Berlin, vielfältige Kontakte in Schulen und Familienzentren zählen) leisten mit ihrem Kursangebot einen Beitrag zur Schnittstelle zwischen Schule und Beruf.

s.a. unter Krawczik, Dagmar: Ausbildungsreife – eine sich wandelnde Herausforderung

Verlinkung:
-> VI.4.1.1 Ausbildungsreife und Ausbildungsbereitschaft Beitrag SUZ

B. Gesellschaftspolitische Fragestellungen einer zukunftsorientierten Gärtnerausbildung

B. 1. Duales Lernen in der Sekundarschule, Berufsorientierung und Nachwuchswerbung
Junge Menschen in ihren Entscheidungsprozessen hin zur Berufswahl zu begleiten und zu unterstützen, erfordert vielfältige und sich ergänzende Strategien. Es braucht ein Netzwerk an der Schnittstelle Schule-Beruf mit Akteuren, die sich in ihrem Engagement aufeinander beziehen und einen echten Synergieeffekt herstellen.

Grüne Lernorte sind für schulische und außerschulische Bildung gleichermaßen geeignet und bilden eine bedeutsame Schnittstelle zwischen formalem und non formalem Lernen. Sie können auch eine geeignete Brücke zwischen Schule und Beruf sein. Die Tradition der Gartenarbeitsschulen bietet der grünen Branche aufschlussreiche Anknüpfungspunkte und vielfältige Möglichkeiten, an der Schnittstelle zwischen Schule und Beruf pädagogisch-didaktisch und kreativ tätig zu sein.

Für Lehrerinnen und Lehrer des Faches Wirtschaft-Arbeit-Technik bietet der Lernort Gartenarbeitsschule eine Vielzahl von inhaltlichen und fachbezogenen Anknüpfungsmöglichkeiten, mit denen diese ihren Schülern konkret, schülerzentriert und in der praktischen Arbeit fachrelevante Inhalte vermitteln können. Für das Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik ist die Gartenarbeitsschule als Lernort prädestiniert, noch immer jedoch zu wenig bekannt und in Folge dessen noch zu wenig genutzt.

Außerschulische Bildung trägt in einem hohen und unverzichtbaren Maße zur Berufsorientierung und Erlangung der Ausbildungsreife und Berufsreife bei. Für die Ausbildung einer eigenständigen, selbstbewussten und reifen Persönlichkeit mit sozialen, kommunikativen und – in einer zunehmend globalisierten und interdependenten Welt – interkulturellen Kompetenzen sind nicht formales und informelles Lernen von entscheidender Bedeutung.

Ausführliche Artikel zu den genannten Punkten s.a. unter:

  • Prof. Simone Knab: Die Gartenarbeitsschule als außeruniversitärer Lernort für die Ausbildung von Lehrern im Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik.
  • Selle, Karin: Lehrerfortbildungen und Unterrichtsentwicklung am SUZ-Mitte
  • Krawczik, Dagmar: Die Vielfalt Grüner Lernorte für Berufsorientierung und Nachwuchswerbung nutzen

Verlinkung:
-> VI.4.2.1 Duales Lernen in der Sekundarschule... SUZ

B.2. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), Fragen der Ökologie, Klimawandel und Biodiversität
Grundsätzlich ist bei SchülerInnen und Auszubildenden ein großes Interesse für Fragen des gesellschaftlichen Dialogs festzustellen. Der Wunsch, sich für den Erhalt der Umwelt zu engagieren, auch differenzierten Fragen nachzugehen ist oft deutlich. Gleichzeitig wird wahrgenommen, dass in der formalen Bildung wenig Zeit dafür ist. Umso wichtiger ist es, in Schulen und in der Berufsausbildung Anreize und Räume zu bieten, in denen die jungen Menschen auf diesen Gebieten sowohl Selbstwirksamkeit erfahren können.

s.a. unter

  • Nowikow, Ulrich: BNE – Fragen zu Klimawandel und Biodiversität an der Schnittstelle Schule-Beruf
  • Axnick, Anni; Krawczik, Dagmar: Schülerbefragung zu den Begriffen Ökologie, Klimawandel, Biodiversität

Verlinkung:
-> VI.4.2.2 BNE, Ökologie...SUZ

B.3. Auswirkung neuer Formen der Gartenkultur
Die neuen Formen der Gartenkultur und die formalen Inhalte der Berufsbildung können gegenseitig befruchtend und anregend wirken. Handlungsorientierung und Partizipation haben hier die Chance praxis- und realitätsnah in Projekten erprobt zu werden. Sowohl Öffentlichkeitswirksamkeit der Ausbildungseinrichtungen als auch Übertragbarkeit von praktischen Leitfäden aus urban gardening-Projekten in verschiedene Ausbildungsgänge bieten Synergieeffekte.

s.a. unter IX.2.3

Klaus Pellmann, OStR, Peter-Lenné-Schule/OSZ Agrarwirtschaft:
Wassermanagement in Urban Gardening Projekten

Verlinkung:
-> VI.4.2.3 Auswirkungen neuer Formen der Gartenkultur SUZ


Text fehlt


 

1.1. Ausbildungsreife der Auszubildenden, Ausbildungsbereitschaft der Betriebe

Ausbildungsreife – eine sich wandelnde Herausforderung
Dagmar Krawczik, Dipl. Germ., freie Mitarbeiterin Förderverein SUZ Mitte e.V.

Der Bedeutungsgehalt des Begriffes Ausbildungsreife unterliegt Veränderungen. Ursprünglich die zertifizierte Fähigkeit eines ausbildenden Betriebs bezeichnend, sind heute Kompetenzen der Jugendlichen gemeint. Welche Merkmale zur Ausbildungsreife eines Jugendlichen gehören, wurde in einer von der Bundesagentur für Arbeit geleiteten Expertengruppe 2005 definiert. Ausbildungsreife als allgemeine Voraussetzung, die Jugendliche befähigt, eine Ausbildung im dualen System aufzunehmen und erfolgreich zu beenden, setzt sich danach aus folgenden grundlegenden und berufsunspezifischen Fertigkeiten und Fähigkeiten sowie Merkmalen des Arbeits- und Sozialverhaltens zusammen:

  • Schulische Basiskenntnisse (z.B. Rechtschreibung, mathematische Grundkenntnisse)
  • Psychologische Leistungsmerkmale (z.B. Sprachbeherrschung, Befähigung zur Daueraufmerksamkeit)
  • Physische Merkmale (altersgerechter Entwicklungsstand und gesundheitliche Voraussetzungen)
  • Psychologische Merkmale des Arbeitsverhaltens und der Persönlichkeit (z.B. Zuverlässigkeit, Kritikfähigkeit)
  • Berufswahlreife (Selbsteinschätzungs- und Informationskompetenz)

Lern- und Entwicklungsprozesse der Heranwachsenden sind in diesem Konzept erfasst – die Ausbildungsreife kann durch entsprechende gezielte Förderung auch zu einem späteren Zeitpunkt noch erreicht werden.

Das Konstrukt Berufseignung hingegen bezieht sich darauf, ob der Jugendliche die spezifischen Anforderungen und das spezifische Anforderungsniveau des Berufs erfüllen und damit auch eine bestimmte Leistung erbringen kann. Über- oder Unterforderung in Ausbildung und Beruf werden eingeschätzt. Eine Eignungsbeurteilung berücksichtigt also die jeweils für den Beruf spezifischen Merkmale. Diese sollten bei Eignung den Anforderungen entsprechend ausgeprägt sein ohne dass hier bereits Besonderheiten der jeweiligen Betriebe in den Anforderungen Eingang finden.

Von Ausbildungsreife und Berufseignung abzugrenzen ist der Begriff der Vermittelbarkeit. Dieser bezieht sich auf Vermittlungshemmnisse wie ungünstige Marktsituation, familiäre Einschränkungen, Wegstreckenlänge u.ä.

Kriterienkatalog zur Ausbildungsreife im Überblick

schaubild-15

Beispiel 1 für Mindeststandards

schaubild-16a

Beispiel 2 für Mindeststandards

schaubild-16b

Tabellen entnommen aus: Kriterienkatalog aus dem Berufsbildungsbericht der Bundesregierung 2006: Schaubild 15 und 16; Auszug aus dem Berufsbildungsbericht der Bundesregierung, Seiten 184 – 185, http://www.bmbf.de/pub/bbb_2006.pdf

Der Kriterienkatalog stellt ein Orientierungsangebot an alle im Handlungsfeld Übergang Schule – Beruf Tätigen dar und erfordert praxisbezogene Weiterentwicklung durch Arbeitsagenturen, Schulen, Betriebe und Bildungsträger.

Zur gegenwärtigen Herausforderung
Die Interessiertheit und auch Leistungsbereitschaft von SchülerInnen und Auszubildenden dürfen nicht unterschätzen werden. Die Generation, die jetzt vor ihrem Berufsleben steht, hatte mehr Sicherheit für ihr Aufwachsen als alle Generationen davor – und bringt nun einen neuen Anspruch mit: Leistung und Spaß, Familie und Karriere, Teamarbeit und persönliche Freiheit sollen vereinbar sein, Geldverdienen und sinnvolles Arbeiten nicht im Widerspruch zueinander stehen.

Die neu antretende Generation ist die erste, die durch Internet und social media geprägt ist und sich in flachen Hierarchien bewegt. Gewohnt, dass um ihre Aufmerksamkeit bei jedem Tastenklick gebuhlt wird, ist ihr Selbstbewusstsein ausgeprägt und wird gestützt vom Umstand, dass sich künftighin Betriebe um sie reißen werden.

Ein erneuter Wandel des Begriffs Ausbildungsreife deutet sich an. „Es wird aufgrund des künftigen Fachkräftemangels....zunehmend stärker auch auf die „Ausbildungsreife" der Betriebe ankommen... es bietet sich sogar die historische Chance, mit – quantitativ – abnehmenden Zahlen von Ausbildungskohorten....die jungen Menschen individueller und zielgenauer zu begleiten und zu unterstützen. Bezogen auf den Begriff „Ausbildungsreife" besteht in den folgenden Jahren also die Möglichkeit, hierzu kompakte und wirksame Konzepte zu entwickeln, die für die Praxis tauglich sind." (Zitat aus: Ausbildungsreife - Perspektiven eines kontrovers diskutierten Konstrukts, S. 77, hrsg. von Günter Ratschinski und Ariane Steuber. Springer Verl., 2012)

Die Ausbildungsbetriebe, geleitet von Menschen aus anderen Generationen, denen „soft skills" keine Selbstverständlichkeit zu Beginn ihrer Karriere waren, müssen sich stärker als bisher auch mit widersprüchlichen Potenzialen der Jugendlichen auseinandersetzen – etwa wenn Selbstbewusstsein und die Fähigkeiten, das gesetzte Anforderungsprofil zu erfüllen, auseinanderklaffen. Ist die Frage nach dem Sinn ihres Tuns für die jungen Menschen zentral, muss die Fähigkeit, die Jugendlichen mit interessanten Herausforderungen zu motivieren besonders ausgeprägt sein. Die Jugendlichen heute müssen sehr viel mehr Zeit in schulische und berufliche Bildung investieren als die Generationen zuvor – dies anzuerkennen und auch eine bewusste Work-Life-Balance bzw. Learn-Life-Balance anzustreben kann u.a. auch über die Gestaltung des Betriebsgeländes mitgesteuert werden.

Die Verantwortung, auch sogenannte schwächere SchülerInnen auszubilden und eher auf deren Entwicklungspotenzial zu schauen als auf ihren Ist-Stand, sollte stärker übernommen werden.
Den Jugendlichen ist dabei auch Bewusstsein und praktische Informationen zu vermitteln, dass sie mit Schwierigkeiten beim Übergang von der Schule in die Ausbildung nicht allein stehen werden. Defizite in fachlichen und sozialen Komponenten zu erkennen und entsprechende Unterstützung bereit zu stellen zählt zum mehr als bisher gefragten Engagement für Auszubildende.

Hier können auch Potenziale wie http://www.jobstarter.de/de/1760.php genutzt werden. Die JOBSTARTER-Initiative VerA (Verhinderung von Abbrüchen und Stärkung Jugendlicher in der Berufsausbildung durch SES-Ausbildungsbegleiter) startete 2008, um junge Menschen in der Ausbildung zu stärken und damit Abbrüche zu verhindern. Bundesweit stehen dazu seit 2010 flächendeckend VerA-Ausbildungsbegleiterinnen und -begleiter zur Verfügung. Hilfen beziehen sich z.B. auf Probleme mit der Fachtheorie, Prüfungsangst, mangelnde Sprachkenntnisse, Unzufriedenheit mit der Wahl des Ausbildungsberufs, Konflikte im Ausbildungsbetrieb, Überforderungsgefühle und Sorgen im privaten Bereich. VerA bringt die Auszubildenden zu Tandems mit geeigneten Senior Expertinnen und Experten zusammen. Die Begleitung richtet sich gezielt nach den individuellen Bedürfnissen der Jugendlichen. Ausbildungsbegleitende Hilfen der Arbeitsagenturen werden flächendeckend und kostenlos angeboten.

Jugendliche sollten ihren Einstieg in die Ausbildung als Bestandteil ihrer Bildungsbiographie erleben können und über dessen Verlauf nach Maß ihrer weiterzuentwickelnden Kompetenzen selbst entscheiden. Sie müssen schrittweise auf einem Weg begleitet werden, der sie aus ihrer Objektposition heraus zu Subjekten ihres eigenen beruflichen Gestaltungsprozesses macht.

Best practise-Beispiel Deutschland – Das Konzept Top Ausbildung in der Grünen Branche
Die Initiative für Ausbildung ist ein Netzwerk von Firmen in der Grünen Branche, die sich in besonderem Maße für eine hohe Ausbildungsqualität einsetzen. Diese Qualität wird anhand von 12 Kriterien verbindlich beschrieben. Die Teilnehmer der Initiative setzen diese Kriterien in ihrem Unternehmen um. Die Betriebe erhalten ein Ausbildungssiegel z.B. als "TOP Ausbildungsbetrieb für Landschaftsgärtner". Die Initiative für Ausbildung sorgt dafür, die TOP Ausbildungsbetriebe bekannt und im Internet leicht auffindbar zu machen. Das Xing-Forum dient dem Austausch unter den Betrieben, der Diskussion von Vorschlägen und der Weiterentwicklung des Konzeptes.

Die 12 Kriterien, auf deren Einhaltung sich alle Azubis verlassen können:

Die Basis
1. Es gibt eine feste Ansprechperson für die Azubis im Betrieb.
2. Die Azubis werden tarifgerecht bezahlt. Der Betrieb führt ein Stundenkonto.
3. Der Betrieb stellt eine vorbildliche Ausstattung mit wetterfester Kleidung, persönlicher Schutzausrüstung und Azubi-Werkzeugkiste zur Verfügung

Der Weg
4. Ausbildender und Chef/in nehmen sich Zeit für regelmäßige Azubi-Gespräche. Der Ausbildungsplan wird zwei Mal jährlich intensiv besprochen.
5. Der Einsatz von Feedbackbögen für Azubis erleichtern es, Lob und Kritik mitzuteilen und daraus zu lernen.

Das Team
6. Gemeinsame Aktivitäten für die Azubis werden angeboten. Azubi-Tage oder Fachexkursionen fördern die Teambildung.
7. Die Azubis lernen in einem zweiwöchigen Azubi-Austausch auch andere Partnerbetriebe kennen.
Selbstständigkeit wecken
8. Die Azubis erhalten eigene Verantwortungsbereiche im Bereich Werkstatt, Hof, Außenanlagen, die sie selbständig betreuen.
9. Eine Azubi-Baustelle oder ein besonderes Azubi-Projekt im 3. Lehrjahr bietet die Chance, selbständiges Arbeiten zu erproben.
Entwicklung fördern
10. Der Betrieb fördert die fachliche Entwicklung aktiv durch zusätzliche Lernangebote und praktische Übungen.
11. Regelmäßige Pflanzentests fördern das Pflanzenwissen der Azubis und tragen zu guten Prüfungsergebnissen bei.
12. Die Ausbilder nehmen jährlich an Fortbildungsangeboten der Initiative oder des VGL teil.
(Quelle: http://www.initiative-fuer-ausbildung.de)

Literatur:


 

Lehrerfortbildungen und Unterrichtsentwicklung am SUZ-Mitte

Von Karin Selle (pädagogische Mitarbeiterin am SUZ-Mitte , STR´n für die Fächer Biologie, Informatik; Sport)

Das Schul-Umwelt-Zentrum Mitte hat bereits vor vielen Jahren die Diskrepanz zwischen der arbeitsaufwändigen Vorbereitung einer Projektarbeit durch den einzelnen Lehrer sowie einer intensiven Projektbegleitung vor Ort im Gegensatz zur weiteren Nutzung der erarbeiteten Materialien und einer nachhaltigen Verbreitung erkannt. Deshalb haben wir früh auf digitale Medien gesetzt und unsere Angebote, Projekte und Unterrichtsideen ab 2001 auf unserer Webseite unter www.suz-mitte.de veröffentlicht. Mit der Regionalisierung der Fortbildung 2007 bekamen wir als Einrichtung Unterstützung für unsere Arbeit in Form von Stunden für die regionale Fortbildung im Bereich BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung), Naturwissenschaften und Sachunterricht. So entwickelte sich ein bezirkliches Netzwerk, das der Fortbildung und dem Austausch von Ideen diente. Digitale Austauschplattform bietet der Lernraum Berlin, in dem das SUZ einen eigenen Bereich mit selbst erstellten Materialien zur Verfügung stellt.

Somit war früh gewährleitet, dass Materialien und Arbeitsergebnisse ausgetauscht werden und auch gemeinsam mehrfach genutzt werden konnten.

Beschränkt blieb dies überwiegend auf den Grundschulbereich. Sowohl bei der Schülerarbeit vor Ort als auch bei den Fortbildungen für Lehrer war traditionsgemäß dieser Schultyp stark vertreten. Erwähnenswert ist noch die langjährige Zusammenarbeit mit dem Lessing-Gymnasium. Sie bekam unter anderem im Bereich der Begabtenförderung neue Impulse.

Insgesamt blieb die Zusammenarbeit mit den Oberschulen aber auf engagierte Einzelfälle beschränkt, obwohl wir gerade für den neuen Schultyp ISS gute Ansatzpunkte für eine erfolgreiche Unterrichtsarbeit sehen.

Deshalb bot sich durch eine intensivere Zusammenarbeit mit den fachdidaktischen Seminaren der TU eine Chance über zukünftige Lehrer für das Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik (WAT) bereits erprobte Unterrichtsideen an die Schulen zu bringen und neue passgenaue Projekte für diesen Schultyp zu entwickeln. Die Zusammenarbeit mit den zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern lässt auf eine nachhaltige Verankerung reformpädagogischer Ideen mit modernen Unterrichtskonzepten hoffen.
Seit 2003 kooperiert das Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre mit dem Schul-Umweltzentrum Mitte, im Speziellen im Bereich der fachdidaktischen Ausbildung von Arbeitslehre/Wirtschaft-Arbeit-Technik.

Seit dem Wintersemester 2012/13 findet für die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer des Faches Wirtschaft-Arbeit-Technik ein Seminar direkt an diesem Standort statt und wird von mir als pädagogische Mitarbeiterin und langjährige Lehrkraft geleitet.

Das hat den Vorteil neue Unterrichtsprojekte mit den Studenten zu planen und durch einen hohen Praxisanteil für sie direkt erfahrbar zu machen.

Betrachtet man die Inhalte des Rahmenlehrplan WAT und die Möglichkeiten für Projektarbeit an den Gartenarbeitsschulen, so finden sich viele Schnittstellen (siehe Abb.1). Hinzu kommt der fächerübergreifende Aspekt, der sich bei vielen Themen ergibt.

Aufgrund der jahreszeitlichen Abhängigkeiten entstand ein Konzept mit verschiedenen Schwerpunkten:

  • Gärtnerischer Grundkurs (nur im Sommersemester)
    Welche grundlegenden Arbeitstechniken muss ein Lehrer selbst kennen und wie werden sie vermittelt?
  • Mobiles Gärtnern am Schulstandort
    Wie plane ich ein Gartenprojekt an einem Schulstandort ohne Schulgarten und führe es durch?
  • Ernten und Haltbarmachen
    Wie verarbeite ich meine Ernte und mache sie haltbar? Wie kann ich meine Gartenprodukte in einer Schülerfirma vermarkten?
  • Grüne Berufe
    Welche Projekte lassen sich am SUZ-Mitte oder an einer Schule zum Thema „Grüne Berufe"(z.B. Umwelttechnik ... Bewässerungssysteme ...) durchführen.

Die Aktivitäten und Arbeitsergebnisse lassen sich in diesem Rahmen nicht vorstellen, reichen aber über das Erlernen von Arbeitsabläufen des Gärtnerberufs, Planung und Bau von Hochbeeten, Kräuteranbau in Tetrapaks, Herstellung und Produktanalyse von Apfelsaft bis hin zu eine Informationsfahrt zu Zuckerfabrik oder dem Besuch des Lebensmitteltechnologischen Instituts der TU Berlin.
Die entstanden Unterrichtsmaterialien sind sehr anregend und bilden einen Fundus für die spätere unterrichtliche Tätigkeit und sind mit Einverständnis der Beteiligten für alle Teilnehmer in einem Lernraum untereinander einsehbar.

Durch diese kollaborative Arbeitsweise hoffen wir als pädagogisches Team des SUZ-Mitte einige Impulse für Umweltbildung und Grüne Berufe an zukünftige Lehrer und ihre Schüler weitergeben zu können.

Die Gartenarbeitsschule als außeruniversitärer Lernort für die Ausbildung von Lehrern im Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik.
Prof. Dr. Simone Knab

Rückblick : Zusammenarbeit des Fachgebietes Fachdidaktik/ Arbeitslehre/Lehramtsausbildung des Instituts für Berufliche Bildung und Arbeitslehre der TU Berlin mit dem Schulumweltzentrum Mitte
Seit 2003 arbeitet das Fachgebiet Fachdidaktik des Instituts für Berufliche Bildung und Arbeitslehre mit dem Schul-Umweltzentrum Mitte zusammen. Ein Ziel der gemeinsamen Arbeit ist es, Studierenden die Gartenarbeitsschule als praktischen und lebensnahen Lernort mit seinen nahezu unzähligen unterrichtlichen Bezügen für das Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik bereits während des Studiums persönlich erfahrbar zu machen. Für Lehrerinnen und Lehrer des Faches Wirtschaft-Arbeit-Technik bietet der Lernort Gartenarbeitsschule eine Vielzahl von inhaltlichen und fachbezogenen Anknüpfungsmöglichkeiten, mit denen diese ihren Schülern konkret, schülerzentriert und in der praktischen Arbeit fachrelevante Inhalte vermitteln können. Für das Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik ist die Gartenarbeitsschule als (ein) Lernort prädestiniert, bedauerlicherweise ist dieser aber unter den Fachkollegen noch immer zu wenig bekannt und in Folge dessen noch zu wenig genutzt.

Da sich kein Lerninhalt so sehr in den Köpfen der Schüler - aber auch der Studierenden - verankert wie der, der selbst mit allen Sinnen entdeckt wird (vgl. Pestalozzi 1975, S. 125 ff.), wurden in den letzten Jahren in verschiedenen Seminaren ausgewählte Veranstaltungen in der Gartenarbeitsschule vor Ort durchgeführt. So fanden beispielsweise einzelne Seminarveranstaltungen in der Gartenarbeitsschule im Rahmen von Vorbereitungen auf das Unterrichtspraktikum, sowohl im Bachelor als auch im Masterstudium statt. Die Studierenden erhielten dabei, mit Blick auf das bevorstehende Unterrichtspraktikum, die Aufgabe, den Lernort Gartenarbeitsschule zunächst zu erkunden und anschließend Möglichkeiten zu entwickeln, diesen in die schulische Arbeit zu integrieren. So entstanden Seminararbeiten wie beispielsweise ein Gartenarbeitsschulparcours oder eine Gartenarbeitsschnitzeljagd.

Seit 2011 finden nun im Masterstudiengang Arbeitslehre fachdidaktische Seminare in Kooperation mit dem Schulumweltzentrum Mitte über ein ganzes Semester statt. Diese Seminare beschäftigen sich folglich in deutlich intensiverer Art und Weise mit den Möglichkeiten einer Verknüpfung fachlicher Inhalte des Faches Wirtschaft-Arbeit-Technik mit Lernanlässen, die sich während der Arbeit in einer Gartenarbeitsschule eröffnen.

An der ursprünglichen Aufgabenstellung, nämlich der Auseinandersetzung mit fachspezifischen Möglichkeiten einer unterrichtlichen Einbindung von Gartenarbeitsschulen, hat sich nichts geändert. Die Seminare finden aber weiterentwickelt je nach Jahreszeit und Teilnehmerkreis mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung statt. In ihnen sollen unter anderem eigene Unterrichtsideen entwickelt werden und in diese der Lernort Gartenarbeitsschule für eine zukünftige eigene unterrichtliche Tätigkeit implementiert werden.

Bevor die konkreten Seminare vorgestellt werden, soll zunächst das Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik und das Konzept der Gartenarbeitsschulen in Berlin skizziert werden.

Stellung des Faches im Kontext schulischer Bildung in Berlin
Das Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik nimmt im Kontext schulischer Bildung eine besondere Rolle ein, wird doch in keinem weiteren Fach so explizit auf die Vermittlung berufsrelevanter Kompetenzen Bezug genommen. Aus den Schulgesetzen der Bundesländer geht hervor, dass in der Schule überfachliche Kompetenzen ausgebildet werden müssen, damit Schüler in die Lage versetzt werden, einen lebenslangen Lernprozess erfolgreich und selbstbestimmt zu gestalten, durch den sie verantwortlich am sozialen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen können (vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung 2010, S. 9.).

Dazu ist es nötig, dass Schüler in allen Fächern überfachliche Kompetenzen wie Sozial-, Personal- und Methodenkompetenz erwerben. Darüber hinaus ergänzt das Berliner Schulgesetz, dass schulische Bildung mit arbeits- und berufsbezogenen Fragestellungen zu verknüpfen ist und Schüler auf die Berufswahl und Berufsausübung vorzubereiten sind (vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung 2010, S. 11). Die Erfüllung dieser wesentlichen Bildungsaufgabe obliegt vorrangig dem Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik, da es sich inhaltlich mit zentralen Fragestellungen, Lernprozessen und Ergebnissen von Arbeit und zwar Arbeit im privaten Haushalt oder beruflicher Arbeit beschäftigt.

Das Fach schafft darüber hinaus auch Kompetenzen im Bereich der Berufsorientierung, beschränkt sich inhaltlich jedoch nicht nur auf diese. Da im Unterricht des Faches praktische Arbeit mit theoretischen Inhalten vorrangig in Werkstätten unmittelbar miteinander verknüpft wird, stellen die Gartenarbeitsschulen eine sinnvolle Ergänzung zu den schulischen Werkstätten und Unterrichtsräumen dar.

Das Fach Arbeitslehre erhielt im Rahmen der Berliner Schulstrukturreform von 2010/2011 mit Wirtschaft-Arbeit-Technik (kurz WAT) einen neuen Namen und übernahm als Leitfach eine herausragende Rolle im Fächerkanon, sollte doch in der neu geschaffenen Schulform vor allem eine verstärkte Beschäftigung mit berufsorientierenden und damit auch arbeitsrelevanten Fragestellungen erfolgen (vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft 2013).

Da seit Jahren die Zahlen von Berufsausbildungsabbrechern nahezu unverändert hoch sind (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung 2013), erscheint eine intensive Auseinandersetzung mit Arbeit und Beruf bereits während der Schulzeit dringend nötig. Neue Brisanz erhält die Thematik aufgrund der Tatsache, dass vor dem Hintergrund sinkender Schulabgängerzahlen bereits in einigen Ausbildungsberufen ein deutlicher Mangel an Ausbildungsplatzinteressierten zu verzeichnen ist. Insbesondere Berufe, die mangels besserer Kenntnis der Schüler, zu den vermeintlich weniger attraktiven Berufen gehören, sind betroffen. Verschärft wird die Situation durch die Tatsache, dass von Ausbildern und anderen mit Berufsbildung beschäftigten Institutionen seit Jahren das Niveau der Ausbildungsreife von Schulabgängern bemängelt wird. Dieser Umstand trägt dazu bei, dass weitere Ausbildungsplätze mangels geeigneter Bewerber nicht besetzt werden können.

Die Zusammenarbeit der Gartenarbeitsschule mit Studierenden zeigt deshalb nicht nur fachrelevante Verknüpfungen auf, sondern kann darüber hinaus auch den Studierenden das Feld beruflicher Möglichkeiten im Kontext Gartenarbeit verdeutlichen, damit sie als zukünftige Lehrer ihre Schüler diesbezüglich fachkompetent berufsorientierend unterstützen können.

Kurzvorstellung studentischer Seminarergebnisse aus dem Masterstudiengang
Aufgabe der Studierenden war es, Materialien für den Einsatz im Wirtschaft-Arbeit-Technik Unterricht zu entwickeln. Das Material sollte didaktisch so gestaltet sein, dass Lehrer, die an der Entwicklung des Materials nicht mitgewirkt haben, in ihrem Unterricht selbstständig Themenfelder der Gartenarbeitsschule bearbeiten können, ohne das für sie dazu ein großer Einarbeitungsaufwand nötig ist. Die Lehrer sollten deshalb mit Hilfe des Materials fundierte fachliche Kenntnisse erwerben können, aber auch Medien, Arbeitsmaterialien und didaktische Zusatzinformationen zur unterrichtlichen Durchführung erhalten. Für die Schüler sollten didaktisch reduzierte handlungsanregende Materialien entwickelt werden.

Zur Vorbereitung der Studenten haben sich diese zunächst mit den Möglichkeiten der Gartenarbeitsschule vertraut gemacht. Dazu haben sie als Seminargruppe und individuell die Gartenarbeitsschule besucht und diese erkundet. Darüber hinaus erhielten die Studierenden Hospitationsaufträge, mit denen sie Schüler im Unterricht am Lernort Gartenarbeitsschule beobachten sollten. Aus diesen Besuchen, in Verknüpfung mit Veranstaltungen in der Universität, haben die Studenten ihre Seminararbeit eigenständig entwickelt.

In eher theoretischen Arbeitsphasen haben sich die Studenten dann mit historischen Bezügen der Gartenarbeitsschulen auseinander gesetzt. Weitere theoretische Schwerpunkte stellten die Aspekte Arbeit und Gartenarbeitsschule und die Auseinandersetzung mit relevanten Berufsfeldern dar. Am Ende des Seminars sollte eine möglichst anschauliche Präsentation der Erarbeitungen und konzipierten Unterrichtsideen im Rahmen der Methode einer Marktplatzpräsentation erfolgen. Die Studenten sollten dabei auf dem sogenannten Marktplatz kurz und aussagekräftig ihren Stand jeweils vorstellen und anschließend nach einer Begehung aller Marktstände für Fragen bereit stehen. Alle Seminarteilnehmer bewerteten schließlich die Markstände der anderen Gruppen und unterstützen diese mit konstruktiven Anregungen.

Folgende Themenschwerpunkte wurden von Gruppen oder Einzelpersonen erarbeitet:

A. Erneuerbare Energien, Sonnenenergie:

  • Solarscheuche, Photovoltaik verstehen und verwenden.
    Schüler setzen sich mit Hilfe von Materialien mit der Funktionsweise von Photovoltaikanlagen auseinander, besichtigen eine Anlage und bauen in der praktischen Anwendung eine solarbetriebene Vogelscheuche.
  • Das „Michels Umwelthaus Regenwassernutzung, Photovoltaik und Solarthermie.
    Die Schüler erkunden das Umwelthaus der Gartenarbeitsschule und bauen aus einem Karton, wenig Dämmmaterial und Folie einen sehr kostengünstigen Solarofen und eine Anlage, mit der sie mit geringsten Mitteln warmes Wasser gewinnen können.
    Beide Anlagen wurden getestet und erwiesen sich als funktionstüchtig.

B. Ernährung und Gesundheit

  • Lernstationen „Korn zu Brot" Bearbeitung und Erforschung von Getreide und Getreideprodukten.
    Schüler erforschen im Stationsbetrieb Getreidesorten, erarbeiten Einsatzmöglichkeiten und lernen ihren Nutzen kennen.
  • Die Tomate – Eine Küchentechnische und ernährungsphysiologische Entdeckungsreise.
    Schüler setzen sich mit der Tomate vom Anbau unterschiedlicher Sorten, ihrer Pflege und Kultivierung, bis hin zu bekannten und nahezu unbekannten Einsatzmöglichkeiten und Rezepten auseinander.
  • Das Bienenforscherbuch - Alles rund um die Biene.
    Schüler lernen die küchentechnische Verarbeitung von Honig, den gesundheitlichen Nutzen von Bienenprodukten, den Bau von Nisthilfen. Im Mittelpunkt steht ein sogenanntes Bienenforschertagebuch, mit Hilfe dessen die Bienenforscher selbstständig die Biene und alle Einsatzmöglichkeiten von Bienenprodukten entdecken.

C. Wildpflanzen und Heilkräuter

  • Vorsicht! Wilde Pflanzen
    Die Schüler betrachten, beschreiben und bestimmen Wildpflanzen. Sammeln, trocknen und pressen sie. Lernen Konservierungsmöglichkeiten, Wirkungen und Nebenwirkungen und Produkte aus Wildpflanzen kennen.
    Schwerpunkt hier waren alltägliche Kräuter, die auch in der Großstadt an nahezu jeder Ecke zu finden sind.
  • Heilpflanzen und Zaubertränke
    Ausgehend von Hexen und Zaubertränken lernen die Schüler Aussehen, Wirkung und Merkmale von Wildpflanzen kennen. Analysieren Wirtschaftszweige im Bereich der Nutzung von Heilpflanzen. Außerdem erfahren die Schüler etwas über die Herstellung von Produkten wie Seifen, Tees, Duftkissen und ähnlichem.
    Höhepunkt stellt die Herstellung eines sogenannten Zaubertranks aus Heilpflanzen dar.

Literaturverzeichnis

  • Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.) (2009): Nationaler Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland. Kriterienkatalog zur Ausbildungsreife.
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung. Referat Grundsatzfragen der beruflichen Aus- und Weiterbildung (Hrsg.) (2013): Berufsbildungsbericht 2013. Bonn.
  • Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung (Hrsg.) 2010: Schulgesetz für Berlin in der Fassung vom 28. Juni 2010. URL: http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/rechtsvorschriften/schulgesetz.pdf [Stand: 16.08.2013].
  • Pestalozzi, Johann Heinrich: Stanser Brief (1799). Kritische Ausgabe Bd. 13. In: Dietrich, Theo: Geschichte der Pädagogik. 18.-20. Jahrhundert. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. Bad Heilbrunn/Obb. 1975.
  • Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft (2013): Integrierte Sekundarschule. URL: http://www.berlin.de/sen/bildung/bildungswege/sekundarschule/ Entnahme [Stand: 06.08.2013].
  • Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft (2013 a): Duales Lernen. URL: http://www.berlin.de/sen/bildung/unterricht/duales-lernen [Stand: 06.08.2013].

 

Die Vielfalt Grüner Lernorte für Berufsorientierung und Nachwuchswerbung nutzen
Dagmar Krawczik, Dipl.Germ., freie Mitarbeiterin Förderverein SUZ Mitte e.V.

Junge Menschen in ihren Entscheidungsprozessen hin zur Berufswahl zu begleiten und zu unterstützen, erfordert vielfältige und sich ergänzende Strategien. Außerschulische Bildung trägt in einem hohen und unverzichtbaren Maße zur Berufsorientierung und Erlangung der Ausbildungsreife und Berufsreife bei. Für die Ausbildung einer eigenständigen, selbstbewussten und reifen Persönlichkeit mit sozialen, kommunikativen und – in einer zunehmend globalisierten und interdependenten Welt – interkulturellen Kompetenzen sind nicht formales und informelles Lernen von entscheidender Bedeutung.

Grüne Lernorte sind für schulische und außerschulische Bildung gleichermaßen geeignet und bilden eine bedeutsame Schnittstelle zwischen formalem und non formalem Lernen. Sie können auch eine geeignete Brücke zwischen Schule und Beruf sein. Mit Grünen Lernorte sind hier alle naturnahen Garten – und Landschaftsräume, in denen sowohl zielgerichtete als auch unspezifische Erfahrungen und (Er-)Kenntnisse gesammelt werden können, gemeint.

Grüne Lernorte bieten vielfältige Möglichkeiten, die Voraussetzungen, die für eine erfolgreiche Bewerbung in der Grünen Branche gelten, bei den Heranwachsenden zu entwickeln. Als diese Voraussetzungen werden angesehen:

  • Spaß am Umgang mit Pflanzen
  • Interesse an Lebensvorgängen in der Natur
  • Kreativität und handwerkliches Geschick
  • Technisches und kaufmännisches Verständnis
  • Räumliches Vorstellungsvermögen
  • Rechnerisches Denken
  • Gutes Empfinden für Farben und Formen
  • Aufgeschlossenheit und Teamfähigkeit
  • Freude am Umgang mit Menschen
  • Sprachbeherrschung
  • Körperliche Fitness und Flexibilität

(Quelle: http://www.beruf-gaertner.de/voraussetzungen.html)

Zielgruppenspezifische, aber auch generationsübergreifende Projektarbeit an verschiedenen Grünen Lernorten stärkt Präsenz, Beachtung und Ausstrahlungskraft der ausführenden Einrichtung. Der Förderverein SUZ Mitte e.V. entwickelt z.B. Projekte für Migrantenfamilien in benachteiligten Stadtgebieten, richtet Stadtteilfeste aus, führt thematische Wanderungen und Exkursionen durch und richtet dabei die Aufmerksamkeit der TeilnehmerInnen im Besonderen auf ihr lebensnahes Umfeld. Naturbeobachtungen und das Sammeln von Wildkräutern auf Exkursionen und die Ernte von Gartenprodukten werden in Beiträge auf Stadtteilfesten verwandelt. Plakate und Ausstellungen mit gärtnerischen Anleitungen in Schulen u.a. Einrichtungen erlauben, einen niedrigschwelligen Praxisbezug zu erlangen.

So entstand in den letzten Jahren ein Netz von Akteuren bürgerschaftlichen Engagements mit Ausstrahlung in die Familien und alle Generationen. Kitas, Jugendklubs, Nachbarschafts- und Seniorenheime sowie Familienzentren werden involviert, das Grün im öffentlichen Raum besser kennenzulernen und sich auch um seine Entwicklung und seinen Schutz zu kümmern.
Pflanzen kennenlernen und pflegen in Verbindung mit dem praktischen Anlegen von Beeten in den jeweiligen Einrichtungen erhöhen beiläufig das Interesse an grünen Berufen. Der Bau von Hochbeeten am Jugendzentrum wirkte wie ein Signal im Stadtteil – andere Einrichtungen folgten, so dass jetzt z.B. ältere Kinder die jüngeren anleiten bei der Gartenpflege. Kommunikation und gemeinsame Pflanzaktionen gehen Hand in Hand und bewirkten z.B. die Initiierung von Mietergärten und Beeten in Hinterhöfen. Der Betrieb eines Interkulturellen Gartens mit Beeten von Familien aus 20 Ländern hat nicht nur die Funktion, Gemeinschaft zu stiften, sondern dient auch dem Erhalt der verschiedenen Heimatkulturen. Exkursionen in öffentliche Gärten (z.B. Gärten der Welt) und Gemeinschaftsgärten erweitern das Wissen um die Multifunktionalität von Gärten – und damit auch um die Vielfalt der beruflichen Möglichkeiten, die in ihnen stecken.

In den Projekten des Fördervereins wird auch eine Vernetzung mit der seit einiger Zeit bedeutsamen Bewegung der Gemeinschaftsgärten/des urban gardening angestrebt. Vor allem Kindern und Jugendlichen soll das Kennenlernen der jungen Bewegung innerhalb der Gartenkultur ermöglichen, Impulse zu bekommen, unkonventionelle Sichtweisen auf die grüne Branche zu werfen und deren Attraktivität auch vom sozialen Gedanken her kennenzulernen.

In den speziellen Projekten zur Berufsorientierung für Grüne Berufe in den Integrierten Sekundarschulen konnten wir feststellen, dass die SchülerInnen wenig vom Berufsleben eines Gärtners wissen. Eine Einführung in gärtnerische Tätigkeiten findet im SUZ an gemeinsam mit Sozialträgern organisierten Berufsorientierungstagen statt, auch im Rahmen eines Praktikums, am sogenannten Girls Day oder am Tag der offenen Tür. Für Multiplikatoren finden Betriebsausflüge statt. Kreativität wird in Floristikangeboten gefördert, handwerkliches Geschick z.B. beim Bau von Nisthilfen.

Bei der Vorstellung des Ausbildungsangebotes in der Grünen Branche speziell für Jugendliche sollten verstärkt Faktoren berücksichtigt werden, die motivationsstärkend für eine Bewerbung bzw. ein Engagement während der Ausbildung wirken. Zu diesen zählen:

  • Sicherheit / positive Zukunftsaussichten
  • Vertrauen / anerkennende Kommunikation / verlässliche Ansprechpartner
  • Angebot von Teamaktivitäten / sicht- und erlebbare soziale Einbindung
  • jugendgemäße Aktivitäten im Internet / in sozialen Medien
  • Verantwortlichkeit / Leistungsorientierte Anforderungen
  • Aufgabenbedeutsamkeit / Aufgabenidentität
  • Feedback / ergebnisbezogene Anerkennung
  • Abwechslungsreiche Herausforderungen
  • Individuelle Entwicklungsmöglichkeiten
  • Einbeziehung in Entscheidungen
  • Kreative Gestaltung von Tätigkeiten
  • Ermöglichen von Balance zwischen Arbeit und Freizeit / Flexibilität
  • Bewusstsein / Information über Unterstützungsmöglichkeiten für die künftigen Azubis schaffen (z.B. www.qualiboxx.de)
  • Sichtbarmachen von interkulturellen Kompetenzen
  • Ermöglichen internationaler Kontakte / Kennenlernen von branchenspezifischen Strukturen in anderen Ländern

Der Förderverein SUZ Mitte e.V. fördert Interesse und Austausch der Generationen über Gärten und deren Bedeutung auch durch Beteiligung an internationalen Projekten. Bildungsstrategien und Arbeitsweisen anderer europäischer Garten- und Umweltbildungseinrichtungen kennenzulernen erweitert das eigene Spektrum. Ihre Darstellung innerhalb der Berufsorientierungskurse des Fördervereins dient der Steigerung der Attraktivität einer Ausbildung in der grünen Branche.

Fragebogen für SchülerInnen Sek I, der in den Projekten des Fördervereins SUZ Mitte e.V. zur Interessenserkundung/Eignung in Berufsorientierungsprojekten eingesetzt wurde:

GärtnerIn – ein Beruf für mich?
Überprüfe dich mit folgenden Fragen – und kreuze an, was für dich stimmt:

-> Nein - eher nein - eher ja - ja

Ich habe Freude am Umgang mit Natur

  • Ich kenne mindestens 10 Pflanzennamen
  • Ich kenne mindestens 5 Baumarten

Ich habe Spaß am Gestalten und Sinn für Farben und Formen

Ich habe schon Erfahrungen im Garten gesammelt

  • Beete angelegt
  • etwas repariert
  • etwas gebaut
  • anderes

Ich bin handwerklich geschickt und habe gern mit verschiedenen Materialien zu tun

Ich bin bei jedem Wetter gerne und lange im Freien, Regen, Wind und Kälte machen mir nichts aus

Ich kann Schmutz ertragen und Lärm aushalten

Ich habe Interesse an Technik und kann mir vorstellen, mit Maschinen zu arbeiten, z. B Handflex, Minibagger, Steintrennmaschine

Ich kann gut beobachten und habe viele Ideen

Ich interessiere mich für Biologie und Chemie

Meine Leistungen in Mathe sind o. k., und ich habe Spaß am Berechnen von Flächen

Planen und Organisieren macht mir Freude

Ich habe Lust auf Teamarbeit

  • ich bin aktiv in einer AG oder Jugendgruppe

Ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen

Ich kann mich sprachlich gut ausdrücken

  • schriftlich
  • mündlich

Ich will auf Wünsche und Vorschläge von anderen eingehen

Ich bin körperlich fit und habe einen gesunden Rücken

  • ich bin sportlich aktiv

Ich bin frei von Allergien

Name: Schule / Klasse / Ansprechpartner(Lehrer):

Ich fühle mich ausreichend informiert über „Grüne Berufe" ja / nein

Ich habe Interesse an einem Praktikum im Schul-Umwelt-Zentrum Mitte: ja / nein


 

Bildung für nachhaltige Entwicklung: Fragen zu Klimawandel und Biodiversität an der Schnittstelle Schule-Beruf

Nowikow, Ulrich (Dipl.-Gartenbau-Ing; freier Mitarbeiter Förderverein SUZ Mitte e.V.)

Einführung
Ein Blick in das Standardwerk für die Berufsschule „Der Gärtner 1, Grundwissen für Gärtner" aus dem Ulmer-Verlag von 2009 (aktuelle Ausgabe) zeigt, dass die Themen Klimawandel und Biodiversität kaum Berücksichtigung finden. Im Register können die Stichworte „Klimaerwärmung" und „Artenschutz" gefunden werden. Zur Klimaerwärmung wird ein Zeitungsbericht aus dem Jahre 2001 zitiert, in dem die möglichen Schäden der Klimaerwärmung noch in der Währungseinheit „Mark" beziffert sind. Unter dem Stichwort Artenschutz ist ein einseitiger einführender Text mit der Überschrift „Geschützte Pflanzen, Artenschutz" und der Erklärung von Grundbegriffen wie „Rote Listen", „Bundesnaturschutzgesetz", „Bundesartenschutzverordnung" und „Washingtoner Artenschutzübereinkommen" zu finden.

Angesichts der gesellschafts- und umweltpolitischen Relevanz und des breiten Diskurses der Begriffe seit mindestens einem Jahrzehnt besteht aus unserer Sicht Handlungsbedarf, kurzfristig und zumindest temporär in Form von Unterrichtsmodulen, open education ressources Angebote für Ausbilder/-innen, Lehrer/-innen und Schüler/-innen zu Klimawandel und Biodiversität bereitzustellen.
Basiswissen sollte bei den Berufsschüler/-innen vorhanden sein, denn bereits in der Sekundarstufe werden beide Themenkomplexe behandelt.

Stichwortartig und beispielhaft sollen an dieser Stelle Aspekte genannt werden, die für den Gartenbau und entsprechend auch für die Ausbildung einen konkreten Bezug zu Klimawandel und Biodiversität haben.

Klimawandel
Szenarien zum Klimawandel in Deutschland zeigen, dass die Temperatur zunimmt, die Niederschlagsmengen etwa gleichbleiben, verbunden allerdings mit einer Zunahme der Winterniederschläge und entsprechender Abnahme der Sommerniederschläge.
Der Garten- und Landschaftsbauer muss sich mit der Frage auseinandersetzen, welche Bäume Zukunft haben und welche aufgrund veränderter Klimabedingungen nicht. Nach Einschätzung von Expert/-innen wird die Bedeutung heimischer Baumarten als Stadtgrün und als Alleebaum an befahrenen Straßen abnehmen. Die Belastungsgrenze vieler einheimischer Bäume ist bereits erreicht, so dass verstärkt nicht heimische Baumarten für urbane Standorte geprüft werden.

Neben dem bereits verbreiteten Lederhülsenbaum (Gleditsia triacanthos) sowie dem Amberbaum (Liquidambar styraciflua) könnten in Zukunft auch Baummagnolie (Magnolia kobus), Dreizahnahorn (Acer buergerianum) und Eisenholzbaum (Parrotia persica) an Bedeutung gewinnen.

Biodiversität
Seit etwa 20 Jahren beschäftigen sich Initiativen mit dem Erhalt der Nutzpflanzenvielfalt.
Heute gibt es engagierte Initiativen, wie den VERN (Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e. V.) in Deutschland, ProSpecieRara in der Schweiz und die Arche Noah in Österreich, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, d.h. alte Sorten züchten, anbauen, vermehren und vermarkten.

Die Biodiversität spielt für den Garten- und Landschaftsbauer bei allen Bepflanzungsmaßnahmen eine Rolle, Beispiel artenreiche Staudenpflanzung versus artenarme Bepflanzung mit Bodendeckern. Eine Erhöhung der Biodiversität kann außerdem erreicht werden durch Dach- und Fassadenbegrünungen, die Anlage von Trockenmauern, durch die Förderung von Nützlingen sowie die Anbringung von Nistkästen bzw. Nisthilfen für Vögel und Insekten.

Die Auszubildenden sollten ihre Böden, Erden und Substrate kennen und nachhaltig einsetzen und wissen, dass mit dem Verzicht auf Torf im Produktionsgartenbau Moor- und Artenschutz einhergehen.

Wie können die Themen „Klimawandel und Biodiversität" verstärkt in der Berufsausbildung verankert werden?

  • Unterrichtsmodule für Projektunterricht (Betrieb, Berufsschule, überbetriebliche Ausbildung) entwickeln
  • praktische Arbeiten im Rahmen der überbetrieblichen Ausbildung durchführen (s. Beispiele Biodiversität)
  • Klimawandel und Biodiversität als Themen für Fort- und Weiterbildungen sowie im Kontext des lebenslangen Lernens etablieren

Welche Themen/Aktivitäten können in der Berufsorientierung bzw. an der Schnittstelle von Schule und Beruf sowie in der Berufsausbildung integriert werden? Beispiele

  • Durchführung von Projekten mit den Themenschwerpunkten Klimawandel und Biodiversität im Schulgarten
  • Anbau von Obst und Gemüse (Sortenvielfalt) und Sensibilisierung für heimische Bio-Produkte im Kontext von Klimawandel und Biodiversität
  • Sensibilisierung für „alte" Sorten (regionale Getreide-, Gemüse- und Obstsorten) und deren Erhaltung als Beitrag zur Biodiversität
  • Bau von Nisthilfen im Rahmen von Projekttagen
  • Klimawandel und Biodiversität als Themenschwerpunkte im Schulunterricht stärken
  • Exkursionen in Naturschutzgebiete, Biosphärenreservate, zu Dach- und Fassadenbegrünungen usw.


Schülerbefragung zu den Begriffen Ökologie, Klimawandel, Biodiversität
Axnick, Anni (Gartenmeisterin im SUZ Mitte);
Krawczik, Dagmar (Dipl.-Germ., pädag. MA Förderverein SUZ Mitte e.V.):

Der Förderverein SUZ Mitte e.V. hat 2013 eine Schülerbefragung zu Begriffen des gesellschaftlichen Dialogs durchgeführt.

Auswertung des Fragebogens zu Begriffen des gesellschaftlichen Dialogs SchülerInnen Sek I
Ziel war eine Überprüfung, inwieweit bestimmte Begriffe des gesellschaftlichen Dialogs (Ökologie, Klimawandel, Biodiversität) den SchülerInnen der Sek I und II bekannt sind bzw. was sie mit diesen Begriffen verbinden.

An der Befragung nahmen 98 SchülerInnen aus 7. und 8.Klassen in Berlin teil. Überwiegend sollten die Fragen mit Stichworten /Text beantwortet werden, bei einigen Fragen wurden Multiple Choice-Antworten bzw. Alternativantworten vorgegeben.
66% der SchülerInnen war der Begriff Ökologie bekannt – 42% waren der Meinung, in der Schule darüber informiert worden zu sein. Jedoch konnten nur 11% inhaltlich etwas mit „Ökologie" verbinden und nur 5% der Antworten wiesen in die richtige Richtung. Entsprechend wurde Ökologie von den SchülerInnen auch nicht als ein gesellschaftlich relevantes Thema angesehen. 42% der Antworten verwiesen darauf, dass Ökologie eine Aufgabe der Verbände und NGO´s sei, 27% benannten Politik und 21% die Industrie (Mehrfachnennungen waren möglich) als Verantwortliche.

Bei Multiple Choice-Fragestellungen zum Ökosystem (Wo ist es zu finden? Was gehört dazu?) wurden die Zuordnungen von den SchülerInnen überwiegend zutreffend erfasst. Wissen zum Thema war also durchaus vorhanden, aber die Anforderung, dieses ohne Vorgaben sprachlich zu fassen, schien zu hoch.

Den Begriff Biodiversität kannten nur 6% der TeilnehmerInnen, 97% bekundeten, in der Schule darüber nichts gelernt zu haben. 11% der Antworten im Multiple Choice-Verfahren ordnete dem Begriff die „Vielfalt der Pflanzen und Tiere" zu.

93% der SchülerInnen kannten Klimawandel als Begriff und konnten diesen mit zutreffenden Schlagworten inhaltlich füllen.
Ökologie wurde im Vergleich mit den anderen Begriffen von den Befragten am ehesten mit dem Gärtnerberuf in Verbindung gebracht (30%). Dass der Gärtner auf den Klimawandel reagieren muss, war hingegen 87% der Befragten nicht klar.

Etwa die Hälfte der Befragten bekundete Interesse, mehr zur jeweiligen Thematik wissen zu wollen.

Auswertung Interview Azubis im SUZ (3 Azubis aus 1. und 2. Ausbildungsjahr Zierpflanzengärtner)
Zu den 3 Begriffen konnten die Azubis ausführlich Auskunft geben und vielfältige Bezüge zum Gärtnerberuf herstellen.

Das Thema Ökologie sei „nur sehr bedingt" im Fach Biologie in der Schulausbildung berücksichtigt worden, in der Berufsschule sei das Thema nur „extrem kurz" gestreift worden. Am ehesten seien sie durch die Eltern mit dem Thema konfrontiert worden – es sei wichtig, dass diese ihren Einfluss an den Schulen geltend machen hinsichtlich dieser gesellschaftlichen Herausforderung.

Grundsätzlich äußerten die Azubis eine regelrechte Begeisterung im Interview darüber, zu „so gesellschaftlich aktuellen Themen" befragt zu werden. Der Wunsch, sich für den Erhalt der Umwelt zu engagieren und auch differenzierten Fragen nachzugehen, war überraschend deutlich und wird ihrer Meinung nach zu wenig in der Berufsausbildung berücksichtigt.

Fragebogen-Antworten der SekundarschülerInnen in Prozentanteilen

  • Was heißt Ökologie? – 45% : keine Kenntnis
    andere Antworten: „Schutz der Natur", „Wasser und Umwelt und so", „Natur, Umwelt, Tiere und Beete", „Pflanzen ohne Chemie anbauen und behandeln"
  • Wo und warum muss der Gärtner/die Gärtnerin ökologisch handeln? – 69 % : keine Kenntnis
    Andere Antworten: „damit wir uns gesund ernähren", „Bioprodukte herstellen", „Geld sparen", „wegen Umweltschäden", „damit Berlin Grünflächen hat", „wegen Wasserverbrauch", „Umweltschutz für die Tiere".
  • Kennst du den Begriff Ökologie?
    66% : Ja 14%: Nein 20%: keine Antwort
  • Wurde an der Schule über Ökologie informiert?
    42% : Ja 17%: nein 31%: weiß nicht bzw. keine Antwort
  • Sind alle „Grünen" ökologisch?
    18% : Ja 42%: Nein 40 %: weiß nicht bzw. keine Antwort
  • Ist Ökologie „in"?
    33% : Ja 60% : Nein 7%: weiß nicht bzw. keine Antwort
  • Ist Ökologie ein Thema für dich?
    39% : Ja 11% : Nein 50%: weiß nicht bzw. keine Antwort
  • Soll das Thema Ökologie stärker vermittelt werden?
    45% : Ja 8%: Nein 47%: weiß nicht bzw. keine Antwort
  • Will ich etwas tun für Ökologie?
    39% : Ja 8%: Nein 53%:
  • Wer ist für Ökologie zuständig? (Mehrfachnennung möglich)
    21%: Industrie 27%: Politik 42%: Verbände/NGOs 17%: weiß nicht bzw. keine Antwort
  • Wo hast du etwas über Ökologie erfahren? (Mehrfachnennung möglich)
    60%: Schule 24%: Eltern 15%: Freunde 17%: nirgends
  • Was ist ein Ökosystem?
    45%: keine Kenntnis
    Aus den Antworten: „natürlicher Ablauf von Pflanzen, Tieren und Bäumen"; „Vorgang einer Pflanze", „eine Art kleine Welt, die selbständig gedeihen kann", „ein System von Pflanzen", „wechselhafter Naturkreislauf", „ein System der Naturschutzgemeinde", „geschlossener Naturkreislauf"
  • Wo findet man ein Ökosystem? (Mehrfachnennung möglich)
    54%: in der Natur 36%: überall 30%: im Wald 3%: in der Stadt
  • Was findet man in einem Ökosystem?
    75%: Tiere 93%: Pflanzen 75%: Wasser 66%: Mikroorganismen 51%: Wind 36%: Abfälle 27%: Menschen 3%: Häuser 3%: Industrie LKW: 0%
  • Kann ein Ökosystem verändert oder verbessert werden?
    33%: Ja 36%: Nein 31%: keine Antwort
  • Kennst du den Begriff Biodiversität?
    6 %: Ja 94% : Nein
  • Wurde in der Schule über Biodiversität informiert?
    3%: Ja 97%: Nein
  • Was verstehst du unter Biodiversität?
    11%: Vielfalt der Pflanzen (und Tiere) 9%: Vielfalt der Tiere 5%: Vielfalt der Mikroorganismen 2%: Vielfalt von Ökosystemen an einem Standort
  • Interessierst du dich für Biodiversität?
    50%: Ja 20%: Nein 30%: keine Antwort
  • Hat die Biodiversität einen (wirtschaftlichen)Einfluss auf Beruf und/oder Alltag?
    3%: Ja 3%: Nein 94%: keine Antwort
  • Gibt es Klimawandel?
    28%: Ja 3%: Nein 2%: weiß ich nicht 77%: keine Antwort
  • Wo findet Klimawandel statt?
    12%: überall aus den anderen Antworten: „In Afrika", „In der Stadt", „am Nordpol", „in der Luft", „in Wäldern"
  • Was bedeutet Klimawandel und mit welchen Auswirkungen ist in Mitteleuropa zu rechnen?
    7%: keine Kenntnisse
    Aus den anderen Antworten: „es sind weniger Gewächshäuser notwendig", „globale Erwärmung und Anstieg der Meere", „in Mitteleuropa könnte die Eiszeit ausbrechen, wenn es nicht den Golfstrom gibt, der Europa warm hält", „Wetter ändert sich, die Temperatur wird anders", „Pole schmelzen", „die Erde erwärmt sich und Länder verschwinden", „die Jahreszeiten verändern sich"
  • Wie kann der Gärtner/die Gärtnerin dem entgegenwirken?
    87%: keine Kenntnis bzw. keine Antwort
    Aus den Antworten: „Pflanzenschutz", „klimaempfindliche Pflanzen ins Gewächshaus", „durch Kühlung"

 

Urbanes Gärtnern

Nowikow, Ulrich (Dipl-Gartenbau-Ing., stellv.Vorsitzender Förderverein SUZ Mitte e.V.)

Urbaner Gartenbau, auch Urban Gardening, ist die meist kleinräumige, gärtnerische Nutzung städtischer Flächen innerhalb von Siedlungsgebieten oder in deren direktem Umfeld.
Quelle: Wikipedia, Stichwort urbaner Gartenbau

Nicht nur durch das steigende Interesse an lokaler Nahrungsmittelproduktion erlebt der urbane Gartenbau in den letzten Jahren verstärkt Aufmerksamkeit in der Bevölkerung. Urbaner Gartenbau trägt auch zur Verbesserung des städtischen Mikroklimas, zu Artenvielfalt und nachhaltiger Stadtentwicklung sowie Bildung und Sensibilisierung für nachhaltige Lebensstile bei.

Urbaner Gartenbau entstand parallel zur Entwicklung der Stadt. Bis ins 19. Jahrhundert waren es die fehlenden Transportmöglichkeiten, die den innerstädtischen Anbau möglich machten und forcierten. In ausgewiesenen Stadtquartieren bzw. Stadtgärten wurde vor allem schnell verderbliches Obst und Gemüse produziert.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Paris beispielsweise etwa 8.500 selbstständige Gärtner/-innen, die auf 1.400 Hektar – etwa einem Sechstel der damaligen Stadtfläche – rund 100.000 Tonnen Lebensmittel pro Jahr produzierten.

In Deutschland entstand ebenfalls im 19. Jahrhundert die Kleingartenbewegung, aus heutiger Sicht auch eine Form des urbanen Gartenbaus.

Das 20. Jahrhundert war dann vor allem geprägt durch eine Industrialisierung der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion bzw. –verarbeitung. Durch die Entwicklung von Flugfrachtverkehr und Überseecontainer konnten die Transportbedingungen enorm verbessert werden. Lebensmittel wurden für den Konsumenten so preiswert, dass die Selbstversorgung durch Eigenproduktion quasi vollkommen verschwand. Gärten und Kleingärten wurden nahezu ausschließlich als Ziergärten zur Erholung genutzt.

Ein „Umdenken" ist seit den späten 70er Jahren in Nordamerika sowie mit Beginn des 21. Jahrhunderts auch in Europa zu beobachten.

"Community gardening" von New York über Toronto bis nach Kalifornien zeigt neben der Produktion von Obst und Gemüse auch sozialintegrative und kulturenübergreifende Effekte. In Europa, vor allem in England und Deutschland, sind in den letzten Jahren ebenfalls vielfältige Gartenprojekte entstanden. Interkulturelle Gärten, Gemeinschaftsgärten (Community Gardens), kommerziell ausgerichtete Gemeinschaftsgärten, vertikale Landwirtschaftsprojekte haben verschiedene institutionelle Ausrichtungen beispielsweise als gemeinnütziger Verein oder als Unternehmen und entstehen oft temporär mit Hochbeeten und anderen mobilen Pflanzgefäßen.

Berliner Projekte, wie die Prinzessinnengärten am Moritzplatz (Gemeinschaftsgarten mit Verkauf und Ausschank) und die Bauerngärten (professionelle Landwirte pflegen individuelle Gemüsebeete) sind kommerziell ausgerichtet und generieren Einkommen. Damit zeichnen sich Trends ab, die ausgesprochen kreativ sind und über das Gärtnern als Hobby hinausgehen. Diese Denk- und Wirtschaftsweise von Gartenprojekten wird künftig in europäischen Städten zunehmend an Bedeutung gewinnen und Potenziale für junge Gärtner/-innen schaffen.

Auch die Verunsicherung vieler Bürger/-innen durch Lebensmittelskandale verstetigt den Trend, einen eigenen Beitrag zur Selbstversorgung leisten zu wollen – gesundes Essen ohne Chemie und Gifte als klimakompatible Ernährungsweise ohne Transportwege.

Nach jetzigen Berechnungen werden 2050 fast 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Bei zunehmender Umweltbelastung durch den Einsatz von Pestiziden bei der Nahrungsmittelproduktion und steigenden Ölpreisen müssen Anbaumethoden und Transportmöglichkeiten kritisch unter die Lupe genommen werden. So sieht es auch der Welt-Agrarbericht und empfiehlt unter dem Motto "Nahrung dort herzustellen, wo man sie essen will" kleinbäuerliche Strukturen wiederherzustellen. In einigen Städten ist diese Vorstellung bereits Realität geworden. So wird beispielsweise in Peking mehr als die Hälfte des verbrauchten Gemüses in der Stadt angebaut.

Angesichts der gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Veränderungsprozesse sind Strategien erforderlich, um urbane Freiräume für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu sichern, aufzuwerten und regelmäßig zu pflegen. Das Bewusstsein wächst, dass Eigeninitiative und Kooperation notwendig sind, um Straßen, Quartiere und öffentliches Grün wiederzubeleben und zu sichern. An vielen Stellen haben Bürgerinnen und Bürger bereits begonnen eigeninitiativ, Freiräume im Stadtbild zu nutzen und kreativ zu entwickeln. Urbane Gartenprojekte spielen dabei eine wichtige Rolle.

Beispiele für urbanen Gartenbau in Deutschland

Urbaner Gartenbau Bamberg
In Bamberg ist die spätmittelalterliche Struktur des Gartenbaus aus Hofstellen und angrenzenden Anbauflächen bis heute erhalten und einmalig in Deutschland. Der Erwerbsgartenbau, einst ein Hauptwirtschaftszweig der Stadt, ging allerdings in den letzten Jahren stark zurück. Die innerstädtische Freiraumstruktur veränderte sich und Flächen fielen brach. Um Gärtnerbetriebe und Gärtnerflächen zu erhalten bzw. weiterzuentwickeln, wurde das Investitionsprogramm Modellprojekt "Urbaner Gartenbau" entwickelt, das den Erwerbsgartenbau aber auch den Garten als Kulturgut erhalten soll.

Strategie Stadtlandschaft Berlin
Einen ersten Schritt, das urbane Gärtnern in der Stadtentwicklung zu verorten, hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt 2012 mit der „Strategie Stadtlandschaft natürlich, urban, produktiv" unternommen. Betont wird, dass Grünräume nicht nur schön, sondern auch sozial, klimatisch und ökonomisch produktiv sind. Die produktive Landschaft verbindet so Landwirtschaft, Kleingärten und Subsistenzwirtschaft mit der Do-it-Yourself-Kultur von Zwischennutzern, Raumpionieren und Start-ups. Berliner Bürgerinnen und Bürger werden aktiv und übernehmen Verantwortung bei der Gestaltung öffentlicher Grünräume.

Essbare Stadt Andernach
Die Stadtverwaltung in Andernach baut Obst und Gemüse in öffentlichen Grünflächen an, Bürger und Bürgerinnen können pflegen und später ernten. „Pflücken erlaubt" statt „Betreten verboten" heißt es. Andernach zeigt wie zukünftig in Städten Landwirtschaft betrieben werden kann. Grünanlagen werden zu Gärten für die Bürger, fördern den Gemeinschaftssinn und machen die Stadt lebens- und liebenswerter. Das Projekt „Andernach – Die essbare Stadt" wurde als eines von 100 im bundesweiten Innovationswettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen" 2013/14 ausgezeichnet.

 

Perspektiven für die Ausbildung im Gartenbau
Neben konkreten Arbeitsfeldern für Gärtner/-innen ergeben sich auch Vernetzungspotenziale und Verschränkungen, die Auszubildende sowie Ausbildungsbetrieb und Berufsschule bedenken sollten.

Beispielhaft sollen an dieser Stelle folgende Überlegungen genannt werden.

Verschiedene Fachspaten wie Landschaftsbau, Obst- und Gemüsebau, Baumschule und Zierpflanzenbau untersuchen das Thema urbanes Gärtnern genauer, um Potenziale auch für das berufliche Gärtnern zu identifizieren.

Wissen und Fähigkeiten des Urban Gardening können umgekehrt in den verschiedenen Sparten des Gartenbaus Eingang finden. Es wird ein Austausch von Erfahrungswerten über Modellprojekte des urban gardenings aus Sicht des Gartenbaus angeregt.

Der in urbanen Räumen zunehmende Obst- und Gemüsebau eröffnet Potenziale für den Gartenbau. Auch gärtnerische „Nischenthemen" wie Samenproduktion und –lagerung finden Berücksichtigung.

Brachflächen sind Orte für potenzielle Gärten in den Städten.

Der Gartenbau übernimmt soziale Aufgaben, z.B. bei der Beratung und Anleitung von urbanen Gärtner/-innen (s. Beispiel Bauerngarten). Unterschiedliche Konzepte, Experimente und Beispiele sowie die interkulturelle Zusammenarbeit und ihre positiven Effekte werden für den Beruf des Gärtners generiert.

Temporäre Gartenprojekte bieten Potenziale z.B. bei der Planung und Herstellung von Hochbeeten und anderen mobilen Pflanzgefäßen.

Fragestellungen

  • Wie werden sich Obst- und Gemüseanbau in der Stadt entwickeln? Welche Rolle spielen die Faktoren Gemeinschaft und Selbstversorgung? Welche Rolle kann der berufsständige Gartenbau spielen?
  • Welche Rolle kann das neue Gärtnern in der Bildungsarbeit leisten (Schulgarten, Ernährung, Schülerfirmen, Berufsausbildung)?
  • Wie lässt sich der Beitrag von Gärten zum Klimawandel in der städtischen Politik darstellen und verorten? Was muss getan werden, damit diese Effekte besser als bisher berücksichtigt werden?
  • Welcher Förderung bedarf die urbane Landwirtschaft inklusive der Gemeinschaftsgärten in Zeiten der Sparauflagen für Kommunen und Länder?

 

Klaus Pellmann, OStR, Peter-Lenné-Schule/OSZ Agrarwirtschaft
Wassermanagement in Urban Gardening Projekten
Die Peter-Lenné-Schule in Berlin-Zehlendorf

Die Peter-Lenné-Schule (OSZ Agrarwirtschaft) ist mit über 1600 Schülerinnen und Schülern die größte Agrarschule in Deutschland. In den Berufsfeldern Floristik, Forstwirtschaft, Gartenbau und Tierpflege wird nicht nur im dualen System ausgebildet, sondern auch auf die Berufsausbildung vorbereitet sowie fort- und weitergebildet. Kurz gesagt: Berufsvorbereitung, Ausbildung, Studierbefähigung und Weiterbildung, alles im grünen Bereich!

Das Wassermanagement ist dabei ein wesentlicher Schwerpunkt in der gärtnerischen Ausbildung an der Peter-Lenné-Schule und zeichnet die Schule besonders für ihr ökologisches und nachhaltiges Profil aus. Neben der Auszeichnung „Umweltschule in Europa – Internationale Agenda Schule 2009" erhielt die der Schule angeschlossenen Landesstelle für gewerbliche Berufsförderung in Entwicklungsländern schon zweimal die begehrte Auszeichnung „Offizielles Projekt: Bildung für nachhaltige Entwicklung".
Die umgesetzten Projekte sind auf dem Schulgelände in vielfacher Form erlebbar, sei es beim Wassermanagementkonzept mit der multifunktionalen Wasseranlage zum Auffangen, Sammeln und Nutzen des anfallenden Regenwassers, den Elementen einer nachhaltiger Sanitärversorgung oder in diversen Kleinprojekten im Bereich der Regenerativen Energien. Diese vielfältigen Schulprojekte beziehen nicht nur das eigene Schulgelände mit ein, sondern wurden und werden in Entwicklungs- und Schwellenländern transferiert und regen nicht nur dort zum Nachmachen an!

Das Wassermanagementprojekt für das Allmende Kontor auf dem Tempelhofer Feld
Im Rahmen des Teilprojekts „Wassermanagement in „Urban Gardening"-Projekten" haben TeilnehmerInnen des Ausbildungsgangs „Staatlich geprüfter Techniker, Fachrichtung Garten‐ und Landschaftsbau" des Oberstufenzentrums Agrarwirtschaft modellhaft Akteure der Zielgruppe „Urbane GärtnerInnen" (Privatpersonen, Nachbarschaftsgruppen etc.) zur dezentralen, ökologischen und ökonomischen Wasserversorgung auf den von diesen genutzten städtischen Flächen beraten und gemeinsam mit ihnen praktische Lösungen realisiert.

Die Arbeitsgruppe wendet das im Rahmen der Weiterbildung angeeignete Expertenwissen zum einen praktisch bei der Planung der Wasserversorgung und zum anderen didaktisch bei der Vermittlung und Umsetzung des Vorhabens im Rahmen von partizipativen Workshops mit den „Urban Gardening"-Initiativen an. Urbanen GärtnerInnen wurden dabei Kenntnisse und Fertigkeiten zum Thema Wasserversorgung vermittelt. Das Projekt wurde dokumentiert und kann als theoretische sowie praktische Anleitung „Urban-Gardening"-Initiativen dienen.

Über den Projektrahmen hinaus wurde damit auch der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen der „Urban Gardening Community" und den Schülern des Ausbildungsgangs „Staatlich geprüfter Techniker, Fachrichtung Garten‐ und Landschaftsbau" sowie Auszubildenden des Gartenbaus angeregt.

Sämtliche Aktivitäten im Teilprojekt sind nach den Prinzipen des „selbstorganisierten Lernens in Gruppen" und dem praxisorientierten "learning by doing" konzipiert. Urbane GärtnerInnen sowie die SchülerInnen werden gleichermaßen aktiv in den Prozess eingebunden.

Es entstand im Rahmen der formalen beruflichen Bildung ein im Sinne der Handlungsorientierung und Partizipation angelegtes Unterrichtsprojekt, das in der Realität umgesetzt wurde. Inhalte des Leitfadens zum Thema „Wassermanagement" können als übertragbares Ausbildungsprojekt in die verschiedenen Ausbildungsgänge der Peter-Lenné-Schule übernommen werden.

Zur Projektumsetzung
Wasser zur Bewässerung der Kulturen in „Urban-Gardening-Projekten" erweist sich häufig als begrenzender Faktor bei der Anlage und Etablierung der Gärten. Selten ist ein Anschluss an die öffentliche Wasserversorgung gewährleitet, vielerorts sind die Transportwege zu lang. Eine ökologisch, aber auch ökonomisch sinnvolle Möglichkeit der Wasserversorgung ist das Auffangen, Speichern und Nutzen von Regenwasser für die gärtnerischen Kulturen.

Die Besonderheiten des Tempelhofer Feldes in Berlin sind neben der begrenzten Verfügbarkeit von Wasser die exponierte Lage der Gärten am Rande des ehemaligen Flugfeldes. Die dadurch bedingte wind- und strahlungsexponierte Lage führt zu einer erhöhten Verdunstung, die Beete trocknen sehr schnell aus. Diese besonderen kleinklimatischen Bedingungen müssen bei sämtlichen Planungen berücksichtigt werden. Ein weiteres Kriterium stellt der temporäre Charakters der Gärten dar und - bedingt durch die frühere Nutzung als Flughafen und eventuellen Bodenverunreinigungen - die Tatsache, dass keine Beete im anstehenden Erdboden angelegt werden dürfen, sondern nur auf der Erdoberfläche in Form von „mobilen Hochbeeten".

Im den ersten beiden Jahren des Projektes erarbeiteten die Schülerinnen und Schüler die theoretischen Grundlagen des Wassermanagements in Urban-Gardening-Projekten. Die dokumentierten Ergebnisse sind übertragbar und somit auch für andere Urban-Gardening -Initiativen an anderen Orten nutzbar.

Mit den gewonnen Erkenntnissen und dem angeeignete Expertenwissen wurden die Flächen des Allmende Kontors auf dem Tempelhofer Feld analysiert und ausgewertet. Das Ergebnis war die Planung einer Bewässerungsanlage.

Praktisch wurde in einem zweiten Schritt ein Bewässerungsworkshop auf dem Tempelhofer Feld gemeinsam mit dem Allmende Kontor (Anlauf- und Vernetzungsstelle für Berliner Gemeinschaftsgärten) durchgeführt. Die didaktische Vermittlung der Kenntnisse lag in den Händen der Schülerinnen und Schüler. Die Nutzer erlernten Kenntnisse und Fertigkeiten über den Bau einer ökonomischen Bewässerungsanlage. Gemeinsam wurde ein für diesen Standort geeignetes Bewässerungskonzept, eine Tröpfchenbewässerungsanlage mit Eigendruck, modellhaft umgesetzt

Im dritten Jahr stand der Bau eines „wasserspeichernden Hochbeetes" im Vordergrund der Betrachtungen. Da die 2012 realisierte Tröpfchenbewässerung mit vorhandenem Brauchwasser aus lokalen Grundwasserbrunnen versorgt wird, sollte nun die Wasserversorgung eines Gemeinschaftsbeetes vorrangig mit aufgefangenem Regenwasser erfolgen. Kreative Lösungen, möglichst unter Verzicht auf konventionelle Bewässerungssysteme, waren gefragt. Ein Workshop zum Thema „Recycling und wiederverwendbare Baustoffe" konnte die Schülerinnen und Schüler für das Thema sensibilisieren, motivieren und kreativ werden lassen.

In Arbeitsgruppen wurden Ideen für den Bau eines solchen Gemeinschaftsbeetes gesammelt. Entstanden sind unterschiedliche Zeichnungen, die interessante Vorschläge zur autarken Wasserversorgung der Beete zeigen.

Nach der gelungenen Präsentation und anschließender Abstimmung mit dem Allmende Kontor konnte eine Idee zur Realisierung ausgewählt werden. In einem zweitägigen gemeinsamen Workshop mit den Nutzern erfolgte der Aufbau des Musterbeetes auf dem Gelände des Allmende Kontors. Es steht heute den Gärtnerinnen und Gärtnern des Allmende Kontors zur Verfügung.

Die gute Zusammenarbeit zwischen der „Urban Gardening Community" und den Schülerinnen und Schülern hat bei vielen Beteiligten zu einer erweiterten Sichtweise geführt, die sich nicht nur in der Verwendung alternativer Baustoffe zeigt, sondern sich auch in den Gedanken einer nachhaltigen Entwicklung wiederspiegelt.

Erste Ergebnisse zur geplanten Funktionsweise sind im Sommer 2014 zu erwarten, doch schon heute stößt das Musterbeet am Rande der Gärten in exponierter Lage auf großes Interesse bei den benachbarten Gartennutzern und Besuchern.

Vgl. auch: http://www.peter-lenne-schule.de/schulportrait/landesstelle.html

 

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