Bildung für nachhaltige Entwicklung: Fragen zu Klimawandel und Biodiversität an der Schnittstelle Schule-Beruf

Nowikow, Ulrich (Dipl.-Gartenbau-Ing; freier Mitarbeiter Förderverein SUZ Mitte e.V.)

Einführung
Ein Blick in das Standardwerk für die Berufsschule „Der Gärtner 1, Grundwissen für Gärtner" aus dem Ulmer-Verlag von 2009 (aktuelle Ausgabe) zeigt, dass die Themen Klimawandel und Biodiversität kaum Berücksichtigung finden. Im Register können die Stichworte „Klimaerwärmung" und „Artenschutz" gefunden werden. Zur Klimaerwärmung wird ein Zeitungsbericht aus dem Jahre 2001 zitiert, in dem die möglichen Schäden der Klimaerwärmung noch in der Währungseinheit „Mark" beziffert sind. Unter dem Stichwort Artenschutz ist ein einseitiger einführender Text mit der Überschrift „Geschützte Pflanzen, Artenschutz" und der Erklärung von Grundbegriffen wie „Rote Listen", „Bundesnaturschutzgesetz", „Bundesartenschutzverordnung" und „Washingtoner Artenschutzübereinkommen" zu finden.

Angesichts der gesellschafts- und umweltpolitischen Relevanz und des breiten Diskurses der Begriffe seit mindestens einem Jahrzehnt besteht aus unserer Sicht Handlungsbedarf, kurzfristig und zumindest temporär in Form von Unterrichtsmodulen, open education ressources Angebote für Ausbilder/-innen, Lehrer/-innen und Schüler/-innen zu Klimawandel und Biodiversität bereitzustellen.
Basiswissen sollte bei den Berufsschüler/-innen vorhanden sein, denn bereits in der Sekundarstufe werden beide Themenkomplexe behandelt.

Stichwortartig und beispielhaft sollen an dieser Stelle Aspekte genannt werden, die für den Gartenbau und entsprechend auch für die Ausbildung einen konkreten Bezug zu Klimawandel und Biodiversität haben.

Klimawandel
Szenarien zum Klimawandel in Deutschland zeigen, dass die Temperatur zunimmt, die Niederschlagsmengen etwa gleichbleiben, verbunden allerdings mit einer Zunahme der Winterniederschläge und entsprechender Abnahme der Sommerniederschläge.
Der Garten- und Landschaftsbauer muss sich mit der Frage auseinandersetzen, welche Bäume Zukunft haben und welche aufgrund veränderter Klimabedingungen nicht. Nach Einschätzung von Expert/-innen wird die Bedeutung heimischer Baumarten als Stadtgrün und als Alleebaum an befahrenen Straßen abnehmen. Die Belastungsgrenze vieler einheimischer Bäume ist bereits erreicht, so dass verstärkt nicht heimische Baumarten für urbane Standorte geprüft werden.

Neben dem bereits verbreiteten Lederhülsenbaum (Gleditsia triacanthos) sowie dem Amberbaum (Liquidambar styraciflua) könnten in Zukunft auch Baummagnolie (Magnolia kobus), Dreizahnahorn (Acer buergerianum) und Eisenholzbaum (Parrotia persica) an Bedeutung gewinnen.

Biodiversität
Seit etwa 20 Jahren beschäftigen sich Initiativen mit dem Erhalt der Nutzpflanzenvielfalt.
Heute gibt es engagierte Initiativen, wie den VERN (Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e. V.) in Deutschland, ProSpecieRara in der Schweiz und die Arche Noah in Österreich, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, d.h. alte Sorten züchten, anbauen, vermehren und vermarkten.

Die Biodiversität spielt für den Garten- und Landschaftsbauer bei allen Bepflanzungsmaßnahmen eine Rolle, Beispiel artenreiche Staudenpflanzung versus artenarme Bepflanzung mit Bodendeckern. Eine Erhöhung der Biodiversität kann außerdem erreicht werden durch Dach- und Fassadenbegrünungen, die Anlage von Trockenmauern, durch die Förderung von Nützlingen sowie die Anbringung von Nistkästen bzw. Nisthilfen für Vögel und Insekten.

Die Auszubildenden sollten ihre Böden, Erden und Substrate kennen und nachhaltig einsetzen und wissen, dass mit dem Verzicht auf Torf im Produktionsgartenbau Moor- und Artenschutz einhergehen.

Wie können die Themen „Klimawandel und Biodiversität" verstärkt in der Berufsausbildung verankert werden?

  • Unterrichtsmodule für Projektunterricht (Betrieb, Berufsschule, überbetriebliche Ausbildung) entwickeln
  • praktische Arbeiten im Rahmen der überbetrieblichen Ausbildung durchführen (s. Beispiele Biodiversität)
  • Klimawandel und Biodiversität als Themen für Fort- und Weiterbildungen sowie im Kontext des lebenslangen Lernens etablieren

Welche Themen/Aktivitäten können in der Berufsorientierung bzw. an der Schnittstelle von Schule und Beruf sowie in der Berufsausbildung integriert werden? Beispiele

  • Durchführung von Projekten mit den Themenschwerpunkten Klimawandel und Biodiversität im Schulgarten
  • Anbau von Obst und Gemüse (Sortenvielfalt) und Sensibilisierung für heimische Bio-Produkte im Kontext von Klimawandel und Biodiversität
  • Sensibilisierung für „alte" Sorten (regionale Getreide-, Gemüse- und Obstsorten) und deren Erhaltung als Beitrag zur Biodiversität
  • Bau von Nisthilfen im Rahmen von Projekttagen
  • Klimawandel und Biodiversität als Themenschwerpunkte im Schulunterricht stärken
  • Exkursionen in Naturschutzgebiete, Biosphärenreservate, zu Dach- und Fassadenbegrünungen usw.


Schülerbefragung zu den Begriffen Ökologie, Klimawandel, Biodiversität
Axnick, Anni (Gartenmeisterin im SUZ Mitte);
Krawczik, Dagmar (Dipl.-Germ., pädag. MA Förderverein SUZ Mitte e.V.):

Der Förderverein SUZ Mitte e.V. hat 2013 eine Schülerbefragung zu Begriffen des gesellschaftlichen Dialogs durchgeführt.

Auswertung des Fragebogens zu Begriffen des gesellschaftlichen Dialogs SchülerInnen Sek I
Ziel war eine Überprüfung, inwieweit bestimmte Begriffe des gesellschaftlichen Dialogs (Ökologie, Klimawandel, Biodiversität) den SchülerInnen der Sek I und II bekannt sind bzw. was sie mit diesen Begriffen verbinden.

An der Befragung nahmen 98 SchülerInnen aus 7. und 8.Klassen in Berlin teil. Überwiegend sollten die Fragen mit Stichworten /Text beantwortet werden, bei einigen Fragen wurden Multiple Choice-Antworten bzw. Alternativantworten vorgegeben.
66% der SchülerInnen war der Begriff Ökologie bekannt – 42% waren der Meinung, in der Schule darüber informiert worden zu sein. Jedoch konnten nur 11% inhaltlich etwas mit „Ökologie" verbinden und nur 5% der Antworten wiesen in die richtige Richtung. Entsprechend wurde Ökologie von den SchülerInnen auch nicht als ein gesellschaftlich relevantes Thema angesehen. 42% der Antworten verwiesen darauf, dass Ökologie eine Aufgabe der Verbände und NGO´s sei, 27% benannten Politik und 21% die Industrie (Mehrfachnennungen waren möglich) als Verantwortliche.

Bei Multiple Choice-Fragestellungen zum Ökosystem (Wo ist es zu finden? Was gehört dazu?) wurden die Zuordnungen von den SchülerInnen überwiegend zutreffend erfasst. Wissen zum Thema war also durchaus vorhanden, aber die Anforderung, dieses ohne Vorgaben sprachlich zu fassen, schien zu hoch.

Den Begriff Biodiversität kannten nur 6% der TeilnehmerInnen, 97% bekundeten, in der Schule darüber nichts gelernt zu haben. 11% der Antworten im Multiple Choice-Verfahren ordnete dem Begriff die „Vielfalt der Pflanzen und Tiere" zu.

93% der SchülerInnen kannten Klimawandel als Begriff und konnten diesen mit zutreffenden Schlagworten inhaltlich füllen.
Ökologie wurde im Vergleich mit den anderen Begriffen von den Befragten am ehesten mit dem Gärtnerberuf in Verbindung gebracht (30%). Dass der Gärtner auf den Klimawandel reagieren muss, war hingegen 87% der Befragten nicht klar.

Etwa die Hälfte der Befragten bekundete Interesse, mehr zur jeweiligen Thematik wissen zu wollen.

Auswertung Interview Azubis im SUZ (3 Azubis aus 1. und 2. Ausbildungsjahr Zierpflanzengärtner)
Zu den 3 Begriffen konnten die Azubis ausführlich Auskunft geben und vielfältige Bezüge zum Gärtnerberuf herstellen.

Das Thema Ökologie sei „nur sehr bedingt" im Fach Biologie in der Schulausbildung berücksichtigt worden, in der Berufsschule sei das Thema nur „extrem kurz" gestreift worden. Am ehesten seien sie durch die Eltern mit dem Thema konfrontiert worden – es sei wichtig, dass diese ihren Einfluss an den Schulen geltend machen hinsichtlich dieser gesellschaftlichen Herausforderung.

Grundsätzlich äußerten die Azubis eine regelrechte Begeisterung im Interview darüber, zu „so gesellschaftlich aktuellen Themen" befragt zu werden. Der Wunsch, sich für den Erhalt der Umwelt zu engagieren und auch differenzierten Fragen nachzugehen, war überraschend deutlich und wird ihrer Meinung nach zu wenig in der Berufsausbildung berücksichtigt.

Fragebogen-Antworten der SekundarschülerInnen in Prozentanteilen

  • Was heißt Ökologie? – 45% : keine Kenntnis
    andere Antworten: „Schutz der Natur", „Wasser und Umwelt und so", „Natur, Umwelt, Tiere und Beete", „Pflanzen ohne Chemie anbauen und behandeln"
  • Wo und warum muss der Gärtner/die Gärtnerin ökologisch handeln? – 69 % : keine Kenntnis
    Andere Antworten: „damit wir uns gesund ernähren", „Bioprodukte herstellen", „Geld sparen", „wegen Umweltschäden", „damit Berlin Grünflächen hat", „wegen Wasserverbrauch", „Umweltschutz für die Tiere".
  • Kennst du den Begriff Ökologie?
    66% : Ja 14%: Nein 20%: keine Antwort
  • Wurde an der Schule über Ökologie informiert?
    42% : Ja 17%: nein 31%: weiß nicht bzw. keine Antwort
  • Sind alle „Grünen" ökologisch?
    18% : Ja 42%: Nein 40 %: weiß nicht bzw. keine Antwort
  • Ist Ökologie „in"?
    33% : Ja 60% : Nein 7%: weiß nicht bzw. keine Antwort
  • Ist Ökologie ein Thema für dich?
    39% : Ja 11% : Nein 50%: weiß nicht bzw. keine Antwort
  • Soll das Thema Ökologie stärker vermittelt werden?
    45% : Ja 8%: Nein 47%: weiß nicht bzw. keine Antwort
  • Will ich etwas tun für Ökologie?
    39% : Ja 8%: Nein 53%:
  • Wer ist für Ökologie zuständig? (Mehrfachnennung möglich)
    21%: Industrie 27%: Politik 42%: Verbände/NGOs 17%: weiß nicht bzw. keine Antwort
  • Wo hast du etwas über Ökologie erfahren? (Mehrfachnennung möglich)
    60%: Schule 24%: Eltern 15%: Freunde 17%: nirgends
  • Was ist ein Ökosystem?
    45%: keine Kenntnis
    Aus den Antworten: „natürlicher Ablauf von Pflanzen, Tieren und Bäumen"; „Vorgang einer Pflanze", „eine Art kleine Welt, die selbständig gedeihen kann", „ein System von Pflanzen", „wechselhafter Naturkreislauf", „ein System der Naturschutzgemeinde", „geschlossener Naturkreislauf"
  • Wo findet man ein Ökosystem? (Mehrfachnennung möglich)
    54%: in der Natur 36%: überall 30%: im Wald 3%: in der Stadt
  • Was findet man in einem Ökosystem?
    75%: Tiere 93%: Pflanzen 75%: Wasser 66%: Mikroorganismen 51%: Wind 36%: Abfälle 27%: Menschen 3%: Häuser 3%: Industrie LKW: 0%
  • Kann ein Ökosystem verändert oder verbessert werden?
    33%: Ja 36%: Nein 31%: keine Antwort
  • Kennst du den Begriff Biodiversität?
    6 %: Ja 94% : Nein
  • Wurde in der Schule über Biodiversität informiert?
    3%: Ja 97%: Nein
  • Was verstehst du unter Biodiversität?
    11%: Vielfalt der Pflanzen (und Tiere) 9%: Vielfalt der Tiere 5%: Vielfalt der Mikroorganismen 2%: Vielfalt von Ökosystemen an einem Standort
  • Interessierst du dich für Biodiversität?
    50%: Ja 20%: Nein 30%: keine Antwort
  • Hat die Biodiversität einen (wirtschaftlichen)Einfluss auf Beruf und/oder Alltag?
    3%: Ja 3%: Nein 94%: keine Antwort
  • Gibt es Klimawandel?
    28%: Ja 3%: Nein 2%: weiß ich nicht 77%: keine Antwort
  • Wo findet Klimawandel statt?
    12%: überall aus den anderen Antworten: „In Afrika", „In der Stadt", „am Nordpol", „in der Luft", „in Wäldern"
  • Was bedeutet Klimawandel und mit welchen Auswirkungen ist in Mitteleuropa zu rechnen?
    7%: keine Kenntnisse
    Aus den anderen Antworten: „es sind weniger Gewächshäuser notwendig", „globale Erwärmung und Anstieg der Meere", „in Mitteleuropa könnte die Eiszeit ausbrechen, wenn es nicht den Golfstrom gibt, der Europa warm hält", „Wetter ändert sich, die Temperatur wird anders", „Pole schmelzen", „die Erde erwärmt sich und Länder verschwinden", „die Jahreszeiten verändern sich"
  • Wie kann der Gärtner/die Gärtnerin dem entgegenwirken?
    87%: keine Kenntnis bzw. keine Antwort
    Aus den Antworten: „Pflanzenschutz", „klimaempfindliche Pflanzen ins Gewächshaus", „durch Kühlung"